Ein halbes Blatt Papier

Eine kleine Geschichte, die ich gerne mit dir teilen mag. Vielleicht bewirkt sie auch etwas in dir. ♥


Ein halbes Blatt Papier

Eine Frau sprach auf der Beerdigungsfeier für ihren verstorbenen Mann. Während ihrer Rede hielt sie ein abgegriffenes Stück Papier hoch. Dieses, erklärte sie, sei bereits vor der Hochzeit immer in seinem Portemonnaie gewesen. Es habe ihn davon abgehalten, zornig auf andere zu werden oder auch schlecht von sich selbst zu denken.

Wie es dazu gekommen war, hatte ihr Mann ihr so erklärt:

Er war auf eine reine Jungen-Highschool gegangen. Eines Tages drohte sich ein schon lange schwelender Konflikt zwischen den Teenagern in einem Riesenstreit zu entladen. Die Lehrerin nutze die letzte Gelegenheit, die sie sah, eine Eskalation zu verhindern. Jeder Schüler sollte sorgfältig eine Seite aus seinem Aufgabenheft heraustrennen. Dann sollten sie alle ganz oben auf das Blatt den Namen des Klassenkameraden schreiben, der ihnen am meisten zuwider war.

Der nächste Schritt bestand darin, dass sie den Zettel genau in der Mitte durch einen Längsstrich in zwei Spalten teilten. In der linken Spalte sollten sie die Gründe nennen, warum sie diesen Jungen nicht leiden konnten. Die Schüler taten, wie ihnen geheißen. „Und nun“, sagte sie, „schreibt ihr in der rechten Spalte alles auf, was ihr an diesem Jungen bewundert und gut findet.“ Das fiel den Teenagern allerdings sehr schwer. Die Lehrerin musste sie geradezu zwingen, diesen Teil der Aufgabe zu erfüllen.

Als Nächstes befahl sie:

„Faltet das Blatt jetzt entlang der Linie zusammen und reißt es vorsichtig in der Mitte durch. Ich gehe dann gleich mit dem Papierkorb rum. Und da werft ihr bitte die linke Hälfte hinein, also die Spalte mit den Gründen für euren Hass auf den betreffenden Jungen. Dann geht ihr zu ihm und gebt ihm die andere Hälfte mit all den Dingen, die ihr an ihm gut findet und bewundert. Los geht’s.“

Bei dem abgegriffenen halben Blatt Papier, das sie in der Hand hielt, erklärte die Witwe, handle es sich um die rechte Hälfte der Seite aus dem Aufgabenheft, die der schlimmste Feind ihres Mannes ihm in jener Unterrichtsstunde überreicht hatte. Die, auf der all das stand, was er an ihm gut fand und bewunderte. Sobald ihr Mann merkte, dass er sauer auf irgendjemanden wurde, habe er nach diesem Papier gegriffen.

Wenn sein schlimmster Feind noch so viel Positives in ihm gesehen hatte, dachte er, dann müsste doch auch er in der Lage sein, das eine oder andere gute Haar an seinem jetzigen Widersacher zu finden. Und genauso, wenn er drohte, in Trübsal zu versinken: Dann versuchte er sich die guten Eigenschaften, die der Mitschüler damals an ihm wahrgenommen hatte, vor Augen zu führen.

Deshalb trug er dieses halbe Blatt Papier sein ganzes Leben lang im Portemonnaie mit sich. Es hatte ihn zu einem zufriedenen Menschen gemacht.

Aus: Der Elefant, der das Glück vergaß: Buddhistische Geschichten, um Freude in jedem Moment zu finden by Ajahn Brahm

Foto: Copyright Pixabay.com

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